Das Haus
Bestand
Das reselhaus liegt in der Hans-Resel-Gasse 11, 8020 Graz. Es befindet sich in Bahnhofsnähe zwischen Annenstraße und Keplerstraße im Bezirk Lend, einem der zentralsten Bezirke von Graz.
Das Grundstück teilt sich auf ein Haupthaus und ein einstöckiges Innenhofgebäude neben einem Garten auf. Das Haupthaus wurde um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert erbaut, das Hofgebäude in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im Haupthaus befinden sich auf etwa 300 m² aktuell sechs Wohnungen und eine Gaststätte. Im einstöckigen Hofgebäude sind derzeit noch einmal sechs Wohneinheiten mit insgesamt rund 160 m². Das Gebäude befindet sich im 360 m² großen Innenhofgarten.
Visionen
Mit Renovierungen sollen die Wohnflächen das Hauses auf die Bedürfnisse der Bewohner:innen ausgerichtet werden – Möglichkeiten sind hier etwa die Zusammenlegung oder auch Aufteilung von Wohnungen. Weitere Ideen für das reselhaus sind das Entstehen von Räumen für kollektive Nutzung, als Treffpunkt für Organisierung und als solidarischer Begegnungsort der Nachbar:innenschaft.
Das reselhaus soll also im Inneren ein Wohnort sein, an dem Kollektivität aktiv praktiziert wird. In einem Übergang nach außen möchten wir mit unserem Wohnprojekt Individualisierungsprozessen entgegentreten und eine autonome Infrastruktur bereitstellen, die für leistbaren, vergesellschafteten Wohnraum steht. Wir verstehen uns nicht als eine abgetrennte Oase, sondern sehen unser Leben in einer von Hierarchien und Machtstrukturen geprägten Welt und wollen daher einen Ort der Vernetzung, Solidarisierung und Organisierung in der Stadt etablieren. Als solidarisches Wohnprojekt soll das reselhaus zwischenmenschliche Beziehungen fördern und Menschen die Möglichkeit eröffnen, handlungsfähig zu sein und Verantwortung zu übernehmen.
Zusammen wollen wir einen Schritt in eine utopische Zukunft wagen und gemeinsam Wege gehen, diese zu gestalten. Wir wollen Fragen beantworten, widerständig sein, Risse im System vergrößern, Möglichkeiten suchen. Wir wollen Träume erfassen, erleben und für möglichst viele Menschen greifbar machen.
Meilensteine
Um das Haus kaufen zu können, brauchen wir bis Ende Jänner 2027 mindestens eine Million Euro. Die erste Direktkreditkampagne soll die Finanzierung des Hauskaufs sowie erste Renovierungsarbeiten abdecken. In der Zwischenzeit treffen wir uns regelmäßig mit aktuellen Mieter:innen und den Betreiber:innen der Gaststätte, sprechen mit ihnen über unser Projekt und über gemeinsame Interessen und Bedürfnisse. Ebenso besprechen wir mit Architekt:innen Umbaupläne wie eine Energiesanierung sowie Umbauten von bestehenden Wohneinheiten.
Sobald der Hauskauf abgeschlossen ist, sollen im Laufe des Jahres 2027 erste Renovierungsarbeiten vorgenommen werden und die ersten Bewohner:innen in das Haus einziehen. Weiters sollen die ersten kollektiven Räume gestaltet und Raum für Veranstaltungen und politische Organisation nutzbar werden. Weitere Meilensteine in den nächsten Jahrzehnten sind die Abzahlung der Kredite und der Kauf weiterer Häuser, die Schaffung weiterer kollektiver Wohnprojekte. In all dieser Zeit wollen wir eine beständige autonome Infrastruktur nicht nur für das Haus, sondern auch für den Stadtteil und emanzipatorische Bewegungen darstellen.
Warum der Name reselhaus?
Als naheliegende Assoziation mit der Hans-Resel-Gasse, in der sich das Haus befindet, diente reselhaus vorerst als Arbeitstitel einer vagen Idee. Diese Idee strickte sich rund um die Information, dass in zentraler Lage in Graz ein Haus zum Verkauf stehe, welches sich für ein selbstverwaltetes Hausprojekt eignen könnte. Der Wunsch nach einem derartigen Projekt in Graz wuchs bereits seit Jahren in verschiedenen Köpfen von Grazer Aktivist:innen, doch nie bündelten sich die Energien, um zu diesem Zweck proaktiv eine Gruppe zu bilden, geschweige denn um auf die Suche nach einem Haus zu gehen. Und da war es plötzlich: das reselhaus. Nach einer ersten Besichtigung, die vielversprechend war, hatten damit erstmals die vielfältigen losen Ideen verschiedener Menschen eine Projektionsfläche, was schließlich ermöglichte, dass sich vage Träume in Visionen verwandelten, die wir mit diesem Projekt verwirklichen wollen.
Nach eingehenden Diskussionen in unserer ganz neu gegründeten Gruppe zur Realisierung des ersten selbstverwalteten Hausprojekts in Graz blieb es schließlich bei unserem Arbeitstitel. Die Entscheidung fiel nicht zuletzt deshalb auf reselhaus, weil uns wichtig war, die Geschichte des Hauses nicht auszuradieren. Mit der Benennung nach der Straße und nach der Gaststätte Resel-Stube, die sich momentan noch im Haus befindet, tragen wir die zeitliche und räumliche Verortung mit uns und bemühen uns damit auch um eine kritische Reflexion unserer Rolle im Viertel und der Nachbar:innenschaft.
Hans Resel, nach dem die Straße benannt ist, war darüber hinaus ein politischer Aktivist der Arbeiter:innenbewegung. Er war einer der zentralen Organisatoren der Demonstration am 1. Mai 1890, der allerersten Demonstration zum Internationalen Kampftag der Arbeiter:innenklasse. Der „1. Mai“ kann als Initialzündung für die Arbeiter:innenbewegung in Graz und der Steiermark gesehen werden. Resel und seine Genoss:innen sind in diesen Jahren, trotz der anhaltenden Repression, die Resel mehr als ein Dutzend Mal vor den Richter und in das Gefängnis führt, unheimlich umtriebig. In vielen Branchen gelingt es, dass sich die Arbeiter:innen organisieren, die ersten Streiks wurden durchgeführt und nicht selten waren diese auch erfolgreich. Neben dem Kampf um das allgemeine Wahlrecht spielte der Kampf um die Reduktion der Arbeitszeit eine große Rolle. Jahrzehnte vor der landesweiten Einführung des Achtstundentags gelang es ihnen, in vielen Branchen die tägliche Arbeitszeit von vierzehn oder sechzehn auf zwölf oder elf Stunden zu reduzieren.
Die Arbeiter:innenbewegung dieser Zeit ist aber mehr als Partei und Gewerkschaft. Es geht darum, eine Gegenwelt zu schaffen. Durch Konsumgenossenschaften, Bildungs-, Sport- und Kulturvereine, die Naturfreunde und Kinderfreunde und viele weitere Organisationen werden alle Bereiche des Lebens erfasst und „anders“ organisiert. Resel war beispielsweise Mitbegründer des Steirischen Arbeiterradbundes (StARB), der, wie er sagte, „Kavallerie des Proletariats“. Leider fehlt bisher eine eingehende (kritische) Auseinandersetzung mit seiner Person. Er war klarerweise ein „Kind seiner Zeit“, viele seiner politischen Positionen würden wir heute nicht teilen, und er spielte, wie die gesamte Partei, in den Revolutionstagen nach 1918 sicher eine konterrevolutionäre Rolle. Nichtsdestotrotz ist er eine historische Figur, der man durchaus etwas abgewinnen kann, und bis heute gibt es wenige Straßen in der Stadt, die nach dem „anderen Graz“ benannt wurden, und da gehört die Hans-Resel-Gasse unserer Ansicht nach dazu.
Mit der Schreibweise reselhaus mit kleinem r möchten wir dennoch die Einzelperson Hans Resel in den Hintergrund stellen. Wir verstehen den Namen des Hausprojekts nicht als Benennung nach Hans Resel, sondern vielmehr als Relikt aus der Geschichte von Graz und dem Viertel, in dem sich das Haus befindet.